DRS Bunte Leiste
07.02.2019

Barrierefreiheit entsteht im Kopf – und im Rollstuhl

DRS-Sportverein KoRolli Konstanz e.V. erhält den Inklusionspreis 2018 des Landkreises Konstanz

Strahlende Gesichter bei den KoRollis Konstanz - Foto: © Simeon Schüle

Preisübergabe mir Landrat Frank Hämmerle (hinten rechts) - Foto: © Vera Hoffmann

In der letzten Kreistagssitzung des Jahres 2018 hat der Landkreis Konstanz den Inklusionspreis für 2018 in den Kategorien Wohnen, Schule/Qualifizierung/Arbeit und Freizeit verliehen. Ziel des Preises ist es, über neue Wege zur Inklusion nachzudenken und das Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderung zu schärfen, damit das gemeinsame Leben von Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich wird. Es sollen Projekte ausgezeichnet werden, die den Prozess der Inklusion auf örtlicher Ebene aktiv fördern.

Dabei geht der Landkreis davon aus, dass die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein wichtiges sozialpolitisches Anliegen ist, die Umsetzung durch Inklusion aber noch am Anfang eines langen Prozesses steht. Der Landkreis Konstanz will diese Entwicklung unterstützen und fördert deshalb inklusive Konzepte, die es ermöglichen, dass Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich zusammen leben, lernen, wohnen und arbeiten. Einen Beitrag hierzu soll der jährlich verliehene Inklusionspreis leisten. Wie der Behindertenbeauftragte des Landkreises, Oswald Ammon, bei der Preisverleihung erklärte, werden laufende Maßnahmen, Projekte und Initiativen ausgezeichnet, die den Inklusionsgedanken in vorbildlicher Weise fördern und umsetzen.

In der Kategorie Freizeit war mit vielen anderen Projekten der Rollstuhlsportverein KoRolli Konstanz e. V. nominiert. Über die Preisvergabe entschied entsprechend den Richtlinien des Landkreises eine Jury, die aus dem Sozialdezernenten als Vorsitzendem, dem Behindertenbeauftragter des Landkreises und je einem Vertreter bestand, der von den im Kreistag vertretenen Fraktionen benannt wurde.

Projekttitel der KoRollis war „Ein Rollstuhl für alle“ nach dem Motto "Barrierefreiheit entsteht im Kopf". Schon seit ihrer Gründung im Jahre 1990 geht es den Konstanzer Rollstuhlsportlern neben einem Sportangebot für Behinderte auch darum, Nicht-Behinderte  sportlich miteinzubeziehen. Gelebt wird die Inklusion dabei nicht nur zwischen „Fußgängern“ und „Rollifahrern“, wie die KoRollis unterscheiden, sondern auch zwischen Alt und Jung, Mann und Frau, Menschen unterschiedlicher Herkunft etc. So rollt in der Uni-Sporthalle Konstanz z. B. ein Rentner ganz selbstverständlich neben einem Grundschulkind oder ein Gelegenheitssportler neben Gerald Sauter, dem zweifachen Deutschen Meister im Rollstuhlcurling, oder Roland Benker, dem mehrfachen Deutschen Meister im Wasserski (Trick-Ski).

„Behindert zu sein bedeutet nämlich nicht, dass man zu etwas nicht fähig ist. Vielmehr bedeutet es, zu etwas Bestimmtem nicht fähig zu sein, dafür aber über zig andere Fähigkeiten zu verfügen, wobei jeder Mensch manches kann und manches nicht kann“, wie es Übungsleiterin Angelika Schneider unter Bezugnahme auf ein Zitat von Wolfgang Schäuble erklärt. Der rollstuhlfahrende Bundestagspräsident hat gesagt: „Alle Menschen sind behindert – aber wir wissen es wenigstens.“

An den Trainingsabenden wird die Kraft der Inklusion sichtbar, die bei den KoRollis schon seit 28 Jahren wirkt. Sie tragen dazu bei, Inklusion insgesamt zu leben. Der Verein versteht unter Inklusion nämlich einen Prozess, der die Gesellschaft verändert. Nicht mehr der behinderte Mensch muss sich an die Gesellschaft anpassen, sondern die Gesellschaft an den behinderten Menschen, da er Teil der Gesellschaft ist. Es geht um die Freiheit eines jeden Einzelnen und darum, dass es normal ist, wenn wir verschieden sind. So lassen sich Barrieren abbauen.

„Die KoRollis haben schon früh angefangen, Barrieren abzubauen“, erklärt Kassenwart Dieter Moll. „Und zwar körperliche Barrieren und Barrieren in den Köpfen“, wie KoRolli-Urgestein Edwin Heim ergänzt. Das Motto der Vereinsmitglieder lautet: „Geht nicht – gibt’s nicht!“ Ob Rollstuhlbasketball, Wheelsoccer, Rugby, Zirkeltraining, Badminton, Konditionstraining etc.: Behinderte und nichtbehinderte Sportler sind hier gemeinsam am Werk. Auch außergewöhnliche Projekte wie Speedboot-Fahrten, Lachyoga oder Blasrohrschießen finden statt. Behinderte und nicht-behinderte Menschen machen dabei immer gemeinsam Sport. Wichtige Punkte sind auch der Austausch über die neuesten Hilfsmittel, neue, barrierefreie Urlaubsadressen, der Umgang mit Kostenträgern und das Handling mit dem Rolli im Alltag.

Zudem bietet die Übungsleiterin Angelika Schneider, die zugleich Sportlehrerin am Heinrich-Suso-Gymnasium in Konstanz ist, Rollstuhlsport an Schulen an: Nicht-behinderte Schülerinnen und Schüler sitzen zum Beispiel im Rollstuhl und machen Sport. Zudem fahren die Klassen im Rollstuhl durch ihre Heimatgemeinde und lernen die Welt aus Sicht einer Person mit Handicap kennen, inklusive Stufen, Kopfsteinpflaster etc. Die Jugendlichen lernen so einerseits die Schwierigkeiten im Alltag eines Rollstuhlfahrers kennen, merken aber auch, dass man im Rollstuhl eine Menge Spaß haben kann.

Dies hat die Jury überzeugt, weshalb Landrat Frank Hämmerle den Inklusionspreis an die KoRollis überreichte, die in der Kategorie Freizeit zusammen mit dem Integrativen Segelverein Bodensee aus Radolfzell und dem Verein Eurolager aus Konstanz ausgezeichnet wurden, der Zeltlager für behinderte und nicht-behinderte Menschen durchführt.

Neben der Urkunde übergab der Landrat auch ein Preisgeld in Höhe von 500 €. Mit dem möchten die KoRollis ein Sit-up-Paddling-Projekt am Bodensee ins Leben rufen, natürlich für behinderte und nicht-behinderte Wassersportler bzw. – in der Sprache der KoRollis – für Fußgänger und Rollifahrer. Das Sit-up-Paddling funktioniert dabei im Prinzip genauso wie das Stand-up-Paddling, nur dass auf das Brett ein Rollstuhl fest angebracht wird. Sitzend kann sich ein Rollstuhlfahrer dann mit dem Paddel genauso fortbewegen wie ein Fußgänger.

Warum hat der Verein aber als weiteres Motto „Inklusionssport für alle“ gewählt? Ist Inklusion nicht schon für alle? Jochen Link, der 2. Vorsitzende, hat den Eindruck, dass man die Offenheit des Sportangebots für alle derzeit noch erklären muss: „Es ist eben nicht Behindertensport, sondern „Behinderten-Nichtbehinderten-Sport“, also Inklusionssport. Dass der für alle, also insbesondere für Nichtbehinderte ist, muss man aktuell noch erläutern. Wenn wir mal so weit sind, dass wir es nicht mehr erläutern müssen, haben wir es geschafft und können dann auch einfach „Sport“ schreiben, also z. B. Rollstuhlbasketball. Dann ist klar, dass es für alle ist.“

Dies griff auch Gründungsmitglied Roland Benker in seinen Dankesworten im Landratsamt auf, als er alle Anwesenden zum Trainingsabend einlud. Das entspricht dem, wie die KoRollis Inklusion leben: Besucher sind jederzeit willkommen. Auch so funktioniert Inklusion. „Barrierefreiheit entsteht eben im Kopf … und im Rollstuhl“, wie Link lachend ergänzt.  

Karin Stei

>>> Mehr dazu und zu den Konstanzer Rollisportlern auf www.korolli.de und zum Inklusionspreis des Landkreises Konstanz unter LRAKN.de.