DRS Bunte Leiste
15.06.2017

Rennrollstuhlfahrer mit neun deutschen Rekorden

Gelungene Vorbereitung auf Leichtathletik-WM in London

Annika Zeyen - Foto: Marion Peters

Denis Schmitz - Foto: Goran Mitic

Reibungsarm und hart, so lieben Rennrollstuhlfahrer die 400m-Bahnen der Welt, die mit diesen Qualitäten zumeist von der Firma MONDO gebaut wurden. Traditionell bot "Rollstuhlsport Schweiz" im Mai erneut hervorragende Bedingungen im Rahmen von drei kurzzeitig aufeinanderfolgenden Meetings auf den schnellen Bahnen in Arbon und Nottwil, die die gesamte Rennrollstuhl-Weltelite nach Europa lockten. In diesen Feldern kann man sich messen und eine Standortbestimmung in Vorbereitung auf die WM wagen. Das Gute vorweg: Vier Rennrollstuhlsportler haben das Nominierungsschreiben des Deutschen Behindertensportverbandes erhalten und bereiten sich im Rahmen einer kurzen UWV auf die Welttitelkämpfe der Para Leichtathletik vor, zu denen sie am 11. Juli aufbrechen.

Leider nicht mit Norm, jedoch stetig verbessert und mit drei Deutschen Rekorden in dieser Saison belohnt wurde Dennis Schmitz aus Bönen/NRW, der nunmehr in der Startklasse T33 alle Deutschen Rekorde auf den Sprintstrecken hält: 100m – 19,68 sec., 200m – 36,00 sec. und 400m – 1:12,18 min. Dank einer neuen Sitzposition und der sehr guten Betreuung seines Vaters Rüdiger, wird stets an der Optimierung der Start- und Fahrtechnik, sowie des Materials optimiert. Leider waren die Normen für die WM noch zu hoch für Dennis, doch wird mit den Europameisterschaften 2018 im eigenen Land ein neues, sehr motivierendes Ziel avisiert. Ein neuer Garant im Bereich der Rennrollstuhl-Leichtathletik für gutes Training und gute Leistungen ist die Trainingsgruppe aus Bonn um Trainer Alois Gmeiner.

Vier der neun Deutschen Rekorde gehen auf das Konto der Rheinländer, genauer gesagt auf das der sensationell gut umgestiegenen Annika Zeyen. Noch vor acht Monaten feierte Sie die Paralympische Silbermedaille im Rollstuhlbasketball in Rio. In kurzer Zeit meisterte sie den Umstieg in den deutlich sperrigeren aber eben auch schnelleren Rennrollstuhl, passte ihren Körper den neuen Erfordernissen an und bewies Hartnäckigkeit und Ausdauer. Schon bei einem ersten Nationaltrainingslager im März in Dubai fiel ihr Talent und ihr Kampfgeist auf, dieser führte sie vorerst zu den Deutschen Rekorden der Klasse T54 über 800m (1:52,63 min.), 1500m (zunächst 3:33,51, dann verbessert auf 3:28,64) und 5.000m (12:12,05). Das alles im Einklang mit ihren beruflichen Herausforderungen: Bravo kann man dafür nur skandieren – eine Verstärkung, die sich die Deutsche Rollstuhlleichtathletik schon lange gewünscht hat.

Zu dieser darf man auch die jungen Nachwuchsathletinnen Julia Würthen und Merle Menje zählen. Julian Würthen vom PTS Saarbrücken sicherte sich die Deutschen Rekorde in der Klasse T53 über 100m (19,74 sec.) und 400m (1:21,99 min.); noch zu jung für die JWM, jedoch bereits stark in den Frauenrennen unterwegs ist Merle Menje aus Singen, die technisch und kämpferisch mit einem bereits großen Streckenspektrum und hervorragenden Leistungen überzeugte. Während Merle noch am Anfang einer verheißungsvollen sportlichen Karriere steht, könnte diese für Marc Schuh schon bald zu Ende gehen. Der "Master der Physik" arbeitet derzeit intensiv an seiner Promotion und hat sich, wie auch im Sport, große Ziele gesetzt, die ein Verschieben der wissenschaftlichen Arbeit zu Gunsten des Sports nicht lange dulden. Sein aktuelles Leistungsniveau kann sich blicken lassen: 25,49 sec. über 200m und 47,47 sec. über 400m sollten ihm bei seiner wahrscheinlich letzten WM im Juli den Finaleinzug ermöglichen. Zu wünschen wäre es dem Athleten vom TV Herkenrath, hatte doch eine Ellenbogen-OP im Vorjahr den Traum von einer paralympischen Medaille auf seiner Paradestrecke, den 400m platzen lassen.

Ein Traum von einem schnellen Rennen mit Deutschem Rekord wurde für Alhassane Baldé im März wahr, als er im Sog der Weltelite seine 1.500m-Norm und einen starken Deutschen Rekord in 2:55,36 min. fuhr. Das nahm ihm den Qualifikationsdruck und sorgte für die nötige Lockerheit, die WM gezielt im Training vorbereiten zu können. Nicht ganz verletzungsfrei, jedoch mit ausreichend Selbstbewusstsein verliefen die letzten zwei Monate bis zur Schweizer Rennserie, die zwar noch Probleme am Start, aber ein sehr gutes Rennverhalten auf der 5000m-Strecke offenbarten. 49,56 sec. über 400m bilden eine gute Grundlage für die Mittelstrecken, bei deren Niveau er aktuell steht: 800m – 1:35,47 min., 1.500m – 2:59,70 min. und 5.000m – 10:15,45 min. Alhassane hat Trainingspartner wie den U23-Athleten David Scherer um sich organisiert, um das Trainingsniveau zu steigern. So arbeitet er mit seinem Freund Marcel Hug in der Schweiz und dem Saarländer Scherer in Deutschland, der davon ebenso profitiert: 100m in sehr guten 14,62 sec. können ihn bei der WM zur erweiterten Weltspitze aufschließen lassen; 26,43 sec. über 200m lassen bei der 100m Zeit die Hoffnung auf den zeitnahen Fall der Schallmauer von 26 Sekunden zu. Was dafür erforderlich ist? Na klar – eine "Mondobahn" und tolle Atmosphäre. Beides kein Problem, denn die Weltelite der Para Leichtathletik geht an die Stätte eines ihrer größten Erfolge zurück: ins Londoner Olympiastadion. Sportbegeisterung dieser Dimension zu erleben ist magisch. Nirgendwo sind die Stadien an jedem Wettkampftag ausverkauft, das Publikum fachkundig und in Feierlaune. Die beschaulichen Tage in der Schweiz werden von der pulsierenden Metropole London abgelöst und die Herzschläge in die Höhe getrieben, wir sollten nicht den letzten Deutschen Rekord dieser Saison vermeldet haben.

Leichtathletik WM-Teilnehmer Rennrollstuhl 2017

  • Annika Zeyen|T54|SSF Bonn
  • Marc Schuh|T54|TV Herkenrath 09
  • Alhassane Baldé|T54|SSF Bonn
  • David Scherer|T54|TV Püttlingen

Quelle: Marion Peters

>>> www.paraathleticschampionships.com